Die Entdeckung des Grabes 2016-11-22T01:44:57+00:00

DIE ENTDECKUNG DES GRABES

 

Die Entdeckung des Grabes

Ulrike Götz

Kindheit und erste Anstellungen

Die Frage nach dem Entdecker des Grabes wäre beim Quiz keine Million Euro wert, so untrennbar ist Howard Carters Name mit seiner Entdeckung verbunden. Um diese große Entdeckung ranken sich viele Legenden, doch über den Entdecker selbst ist wenig bekannt.

Am 9. Mai 1874 wurde er in London, im vornehmen Stadtteil Kensington, geboren. Im Dorf Swaffham jedoch verbrachte er seine Kindheit.

Er war das jüngste von 11 Kindern. Sein Vater war „Gebrauchskünstler, d. h. er malte Portraits oder damals beliebte Genreszenen wie Tierbilder. Wegen seiner schwachen Gesundheit wurde Howard Carter zu Hause unterrichtet.

Sein Zeichentalent wurde vom Vater gefördert. In der Nähe von Swaffham liegt Didlington Hall. Hier residierten Lord und Lady Amherst, die eine der größten Privatsammlungen altägyptischer Antiquitäten ihr Eigen nannten. Lady Amherst stellte Carter Percy Newberry vor. Dieser renommierte Ägyptologe erkannte Carters Talent. Als sein Mentor verhalf er ihm zu einem Einstieg in die Archäologie.

Mit gerade 17 Jahren bekam er seine erste Anstellung beim Egypt Exploration Fund. Er half Newberry beim Kopieren der Reliefs, zunächst in Beni Hassan, dann in Deir el-Bersha. Er arbeitete sehr genau, allerdings dadurch auch langsam. Deshalb wurde für eine Grabungssaison sein Bruder William mit eingestellt.

Sir Flinders Petrie, der Begründer der systematischen Feldarchäologie grub einige Zeit später mit Carter in el-Armarna – der Hauptstadt des Pharaos Echnaton. Hier wurde 20 Jahre später die Büste Nofretetes gefunden, die heute im Neuen Museum in Berlin zu bewundern ist.

Der ahnungslose Carter meinte sich verhört zu haben, als er aufgefordert wurde, seine Unterkunft aus Lehmziegeln zu bauen. Doch Petries Grabungslager waren generell spartanisch eingerichtet. Unter anderem kursierte der Satz: „Bei Petrie lebte man von Sardinen, und wenn man die Sardinen gegessen hatte, aß man die Dose.“

Petrie bemerkte, dass „Carter seine eigenen Dosen“ aufmachte. Dies könnte passend zu Carters „schwierigem Charakter“ interpretiert werden. Mit dem Wissen jedoch, dass manchmal eine Lebensmittelvergiftung aus Petries Lager gemeldet wurde, könnte es auch einfach Vorsicht gewesen sein.

Trotz aller Entbehrungen lernte Carter das Graben nach damals modernen und wissenschaftlichen Methoden.

Danach fand er eine Anstellung im Ägyptischen Museum Kairo unter der Leitung von Gaston Maspéro. Dieser bemerkte seine Dickköpfigkeit, aber auch seinen großen Arbeitseifer.

In diesen Anfangsjahren war Carter fast immer in Ägypten. Jedoch gelang es ihm nicht, eine feste Anstellung zu finden.

Dann, durch die Protektion Maspéros, wurde er mit 25 Jahren zum Antikenaufseher für Oberägypten und Nubien. Diesen Posten nahm er sehr ernst. Einer seiner ersten Amtshandlungen war die Installation von Licht in den Gräbern im Tal der Könige.

Jetzt konnte er sich für die Unterstützung von Lady Armherst revanchieren, indem er ihr die Grabungsgenehmigung für ihre Ausgrabungen in Assuan besorgte und sich aktiv daran beteiligte. Er verfolgte auch Grabräuber und gab die dabei konfiszierten gestohlenen Altertümer an das Museum zurück. Am meisten verfolgte er den Räuberpatriarchen Abdel Rasul. Ihn wollte Carter mit der selbstgefertigten Fotografie eines Fußabdrucks überführen. Doch die Richter erkannten diesen frühen Beleg professioneller Spurensicherung nicht an. Erst als die gestohlenen Stücke im Antikenhandel auftauchten, war die Richtigkeit von Carters Aussagen erwiesen.

Mit dem pensionierten Rechtsanwalt und Kunstsammler Theodore Davis schloss Carter Bekanntschaft. Dieser besaß eine Grabungslizenz in Theben- West. In 12 Kampagnen grub er ab 1902 mit der tatkräftigen Unterstützung von Carter aus. Dabei wurden unter anderem die Gräber von Haremhab, einem Nachfolger Echnatons (siehe den Beitrag von K. Weiß in diesem Band), und der Königin Hatschepsut entdeckt. Auch der Sarg von Echnaton selbst und dessen Mumie wurden geborgen. Heute ist die Identifizierung jedoch umstritten, auch sein Nachfolger Semenchkare ist ein möglicher Kandidat. Das Auffinden des zwar geplünderten, aber reich dekorierten Grabes von Thutmosis IV. kann als Carters erster großer Verdienst angesehen werden.

Doch durch seine Sturheit stand er sich oft selbst im Weg. So auch bei dem Zwischenfall, der als „Sakkara-Affäre“ bekannt wurde. Da Carter selbst nie über das Ereignis berichtete, ist es schwierig zu rekonstruieren:

Zu der Zeit war das unterirdische Labyrinth der heiligen Apis-Stiere eine große Touristenattraktion. Laut Newberry wollten betrunkene französische Touristen dieses besichtigen, ohne Eintritt dafür zu bezahlen. Einer der Franzosen habe einen Wächter geschlagen. Das habe dann zu einer Schlägerei geführt. Der herbeigerufene Carter habe den einheimischen Wächtern die ausdrückliche Erlaubnis gegeben, sich zu wehren.

Nachdem die Touristen nach Kairo zurückgekehrt waren, beschwerten sie sich beim französischen Generalkonsul. Der verlangte von Carter eine Entschuldigung. Carter verweigerte dies, denn er habe nur seine Pflicht getan.

Maspéro habe selbst versucht, Carter zum Einlenken zu bewegen und, als das nicht half, Freunde als Vermittler eingesetzt. Weil Carter aber stur blieb, verlor er seinen Posten.

Eine andere Variante ist, dass die Besucher von Petrie eine Führung durch eine Mastaba verlangt hätten. Nachdem sie in die Quartiere der Studentinnen und von Petries Frau eingedrungen waren, kam es zum Handgemenge, das Carter auf den Plan rief.

Wie bei heutigen Zwistigkeiten ist es sicher schwierig, nachzuvollziehen, wer wen als erstes provoziert hat. Auch die Frage, ob Carter selbst aus falschem Stolz gekündigt hat oder er entlassen wurde, ist müßig. Dieser Konflikt führte sogar zu diplomatischen Verwicklungen.

Für einige Wochen wohnte er bei seinem ehemaligen Vorarbeiter. Danach verdiente er einige Jahre unter anderem als Händler, Dolmetscher und Aquarellmaler seinen Lebensunterhalt.

Davis stellte ihn dann erneut ein. Diesmal als Zeichner. So erlebte er mit, wie Davis unter anderem das Grab von Juja und Tuja, den Großeltern Echnatons, fand.

Nachdem Davis das Grab von Haremhab, dem Nachfolger Echnatons, aufgefunden hatte, machte er 1906, wie sich später herausstellte, eine weitere wichtige Entdeckung: ein kleines Fayencegefäß mit der Kartusche von Tutanchamun. Ein Jahr später grub er eine einzelne Kammer aus. Hier befand sich u. a. ein zerbrochenes Kästchen. Darin fanden sich mehrere dünne Goldblättchen mit dem Namen von Tutanchamun und Eje.

Davis fragte sich, ob diese schmucklose Gruft tatsächlich Tutanchamuns Grab war. Einige Tage später jedoch fand er eine Grube, die mit Krügen, vertrockneten Girlanden und Säcken mit Natron gefüllt war. Auch hier war auf den Anhängern Tutanchamuns Name zu lesen. Nun war es für Davis klar, dass er das Grab dieses Pharaos entdeckt hatte.

Entdeckung des Grabes

1908 wendete sich das Blatt für Carter. Durch eine Empfehlung Maspéros wurde er mit Lord George Edward Stanhope Molyneux Herbert, 5. Earl of Carnarvon bekannt. Der 1866 geborene Lord war in Cambridge erzogen worden und als Liebhaber schneller Autos und Pferde, passionierter Weltreisender, Kunstsammler und Jäger in England bekannt geworden. Von einem schweren Autounfall im Taunus hatte er sich nicht wieder erholt. Daraufhin hatten ihn seine Ärzte im Winter nach Ägypten zur Erholung geschickt. Um sich die Zeit zu vertreiben, hatte er in Theben mit eigenen Ausgrabungen begonnen. In Carter fand er den Fachmann, den er suchte.

Zwischen Carter, Lord Carnarvon und dessen Tochter Lady Evelyn entstand eine langjährige Beziehung und Freundschaft. Carnarvon finanzierte die Ausgrabungen, die Carter leitete. Musste Carter bei Petrie noch sein eigenes Haus bauen, kam nun Carnarvon für sein Privathaus am Tal der Könige auf.

1909 arbeiteten sie erstmals zusammen. Erst gruben sie in Asasif, dann während drei weiterer Saisons in Theben-West. Unter anderem gruben sie an einem Tempel von Ramses IV. und am Totentempel der Hatschepsut in Deir el-Bahari. Es folgten Grabungen im Nildelta bei Sakha und Tell el-Balamun (1913). Dabei wurde ein unbenutztes Grab der Hatschepsut entdeckt. Doch insgeheim hofften beide auf eine Chance im Tal der Könige graben zu dürfen.

Diese bot sich ihnen 1914, als Theodore Davis sich gezwungen sah, aus gesundheitlichen Gründen aufzugeben. Nach dessen Ansicht bestand auch kein Grund mehr, im Tal der Könige weiter zu graben, denn das Grab Tutanchamuns hatte er, so glaubte er, bereits 1907 entdeckt. Das Tal war also restlos erforscht. Die Fachwelt teilte diese Meinung.

Carter und Carnarvon waren jedoch von Davis’ These nicht überzeugt. Ihnen war nämlich aufgefallen, dass bisher weder Sarg noch Mumie von diesem König gefunden worden waren. Auch die Experten des New Yorker Metropolitan Museum of Art kamen zu dem Schluss, dass es sich bei Davis‘ Fund um Balsamierungsmaterial und Ritualgegenstände für Tutanchamuns Beisetzung handele. Deswegen übernahm Carnarvon Davis‘ Grabungslizenz.

Doch durch den 1. Weltkrieg wurden die hehren Vorhaben der beiden zunächst ausgebremst. Carnarvon wurde in England gebraucht und Carter hatte verschiedene Aufgaben im Auftrag der britischen Regierung zu erfüllen. Je nach Quelle waren es diplomatische Dienste für das britische Militär oder gar Aufträge vom Geheimdienst, die er zu erfüllen hatte.

1917 konnte die Suche nach dem Grab des jungen Pharaos im Tal der Könige beginnen. Zu diesem Zeitpunkt türmten sich zwischen den Eingängen der freigelegten Gräber große Schutthaufen. In fünf Grabungswintern grub Carter ergebnislos.

Vor Beginn der sechsten Saison wollte Lord Carnarvon die Suche aus Kostengründen einstellen. Letztendlich ist es der viel zitierten Sturheit Carters zu verdanken, dass das Grab von Tutanchamun entdeckt wurde. Er glaubte nämlich weiterhin, dass das Auffinden des Grabes unmittelbar bevorstehe. Schließlich konnte er Lord Carnarvon mit dem Angebot umstimmen, diese letzte Kampagne selbst zu bezahlen. Es sollte wirklich die letzte Grabung auf der Suche nach dem Grab dieses Pharaos werden.

Drei Tage nach Beginn der Kampagne, am 4. November 1922, wurde eine in den Stein gehauene Stufe unterhalb des Eingangs zum Grab Ramses VI. gefunden. Sie war die erste einer Treppe, die zum zugemauerten und verputzten Eingang eines Grabes führte. An diesem waren sechs verschiedene ovale Siegel mit der Kartusche, dem Namenszeichen, Tutanchamuns angebracht. Carter stieß ein Loch in die Tür und erblickte dahinter einen Gang, der mit Schutt und Geröll verfüllt worden war. Doch Lord Carnarvon befand sich noch in London. Deswegen ließ Carter die Treppe wieder zuschütten. Tags darauf verfasste er ein Telegramm: „Zu guter Letzt eine wundervolle Entdeckung im Tal gemacht, ein prachtvolles Grab mit unberührten Siegeln; werde sie bis zu Ihrer Ankunft aufbewahren; herzlichen Glückwunsch!“

Nach 14 langen Tagen traf Lord Carnarvon endlich mit seiner Tochter Evelyn ein. Nun konnte die Treppe wieder freigelegt werden. Diesmal wurde an der Tür ein weiteres Siegel entdeckt, das wohl nachträglich angebracht wurde. Das ließ Carter vermuten, dass Grabräuber doch schon eingedrungen waren.

Die Tür wurde geöffnet und der Gang freigeräumt. Am 16. November schließlich, standen Carter, Lord Carnarvon und Lady Evelyn vor einer zweiten versiegelten Tür. Auch sie wurde nachträglich erneut versiegelt vorgefunden.

Laut Legende hielt Carter eine Kerze durch ein kleines Loch in das Grab. Er konnte zunächst nichts erkennen, weil erst einmal Gase entwichen. Dann aber sah er „seltsame Tiere, Statuen und Gold“. Carnarvon konnte die Spannung nicht mehr ertragen und fragte, ob er etwas sehen könne. Darauf soll Carter geantwortet haben: „Ja, wunderbare Dinge!“

Der Ausspruch variiert je nach Übersetzung und Quelle, doch Fakt ist, dass Carter und Carnarvon eine der größten Entdeckungen der Ägyptologie gelungen ist.

Nach der Entdeckung

Nun begann die eigentliche Arbeit. Carter erkannte, dass das Grabungsteam aufgestockt werden musste. Ein Expeditionsteam des New Yorker Metropolitan Museums kam ihm zu Hilfe. Der Leiter dieser Expedition war Arthur Mace. Er war nicht nur der Cousin von Petrie, sondern auch als Konservator im Museum angestellt. Sein „Labor“ richtete er im Grab von Sethos II. ein. Er wurde vom ehemaligen Chemischen Direktor des Antikendienstes in Kairo, Arthur Lucas, unterstützt. Seinen umfangreichen Aufzeichnungen ist es zu verdanken, dass bis heute die Methoden und Materialien, die bei der Konservierung angewandt wurden, nachzuvollziehen sind.

Der zu der Expedition gehörige Fotograf Harry Burton stellte sich auch zur Verfügung. 2800 Glasnegative in sehr guter Qualität fertigte er an. Sie demonstrieren jeden einzelnen Schritt, von der Auffindung der Objekte vor Ort bis zur Konservierung.

Carter selbst fertigte tausende Karteikarten mit Objektbeschreibungen und Zeichnungen an. Die Bergung der etwa 5000 Objekte war erst nach 10 Jahren abgeschlossen.

Kurz nach der Entdeckung schloss Lord Carnarvon einen Exklusivvertrag mit der „Times“ ab. Eigentlich dachte er, dass er sich damit die Pressearbeit erleichtern würde. So müsste er nur einer Zeitung Interviews geben und Bericht erstatten. Doch das Interesse an dem Grab und seinen Schätzen war ungebremst groß. Hunderte, tausende Briefe trafen ein. Glückwunschtelegramme, Hilfsangebote und Ratschläge, wie man einzelne Objekte konservieren oder böse Geister fernhalten könne und immer wieder die Bitte um ein Souvenir. Viele wollten sich auch nur mit dem Sand am Grabeingang zufrieden geben.

Die Ausgrabung wurde zum Pilgerort. Jeden Tag standen die Menschen massenhaft drum herum. Manche brachten sich etwas zum Lesen oder zum Stricken mit. Wurde dann hochgerufen, was als Nächstes rausgetragen wird, wurden Bücher und Strickzeug kurzerhand weggeworfen und die Kameras auf den Grabeingang ausgerichtet.

Die Gespräche drehten sich nur noch um Tutanchamun. Carter hatte plötzlich viele „Freunde“. Diese stellten massenhaft Empfehlungsschreiben aus, die angeblich zu einer Besichtigung des Grabes berechtigten.

Doch ein trauriges Ereignis überschattete den Erfolg. Am 5. April 1923 verstarb Lord Carnarvon. Seine Grabungslizenz ging auf seine Frau, Lady Almina, über. Die in ihrem Namen beantragte Verlängerung der Konzession wurde bewilligt. Bei der Öffnung des Sarkophags war jedoch nach Ansicht der ägyptischen Regierung die Anwesenheit der Frauen der Archäologen nicht erwünscht. Da Carter dies missbilligte, schloss er das Grab. Auch seine Arbeiter streikten. Daraufhin wurde Lady Almina die Lizenz entzogen. Eine neue Konzession wurde zu neuen Bedingungen ausgestellt. Das hatte zur Folge, dass Carter noch nicht einmal mehr der Schlüssel zum Grab ausgehändigt wurde. Täglich musste ein Mitarbeiter des Antikendienstes aufschließen. Oft sah er dann Carter bei der Arbeit zu und versorgte ihn mit „guten Ratschlägen“.

Carter bekam keinen Anteil am Fund. Der Antikendienst zahlte ihm lediglich eine kleine Entschädigung für die Mühe.

Neid und Spott

Der Grabfund brachte Carter viel Anerkennung, rief aber auch immer wieder Neider auf den Plan.

Nach dem Streit mit dem Antikendienst wurde ihm vorgeworfen, erst seine „aufbrausende Art“ habe dazu geführt, dass die Bestimmungen über die Fundteilung verschärft worden seien. Doch bereits seit 1921 versuchte Pierre Lacau, der Direktor des Antikendienstes, die Regelung der Fundteilung abzuschaffen.

Es mag sein, dass sich Carter mit seiner eigenbrötlerischen, undiplomatischen und barschen Art oft selbst im Weg stand. Doch er hatte auch viele gute Eigenschaften. Durch seinen immensen Spürsinn war die Auffindung des Grabes erst möglich. Auch ist es seiner Umsicht zu verdanken, dass die Grabschätze sorgfältig geborgen wurden.

Sein ganzes Leben lang litt er unter seiner einfachen Herkunft. Selbst nach dem Fund wurde ihm immer wieder sein fehlendes Studium unter die Nase gerieben. So schrieb Sir Alan Gradiner, nach dessen Grammatik Ägyptologiestudenten bis heute die Sprache des Alten Ägyptens lernen, an die „Times“: „Alle Ägyptologen warten jetzt zuversichtlich auf eine detaillierte Publikation, um so mehr, als Mr. Carter der beste lebende archäologische Zeichner ist.“

Die daraus entstandenen Minderwertigkeitskomplexe erklären wohl auch seine Eigenbrötelei. Er wollte sich vor seinen Fachkollegen nicht blamieren und hat deswegen den Kontakt zu ihnen gemieden.

Andere wiederum zweifelten an seiner Ehrlichkeit. Laut dem offiziellen Bericht waren viele Personen anwesend, als die erste Kammer geöffnet wurde. Später jedoch erzählte Lord Carnarvon, dass es für ihn und seine Tochter der größte Moment des Lebens gewesen sei, vor allen anderen im „Allerheiligsten“ gewesen zu sein. Die drei haben die Öffnung zugemauert, weil sie wohl neugierige Fragen vermeiden wollten. Durch das starke Interesse standen sie unter großem öffentlichen Druck. Es wäre möglich, dass Carter und Carnarvon durch eine „Vorschau“ sich davon überzeugen wollten, dass das Grab tatsächlich nicht ausgeraubt wurde, um nicht der Presse leere Kammern präsentieren zu müssen.

Auch Thomas Hoving, ein ehemaliger Direktor des New Yorker Metropolitan Museum of Art, unterstellte ihm 1978, dass er unerlaubt das Grab betreten und einige kleinere Objekte daraus entfernt hätte.

Als weiteres Indiz für Unstimmigkeiten wird die Entdeckung des Grabes bereits drei Tage nach Grabungsbeginn angesehen. Die Ägyptologin Christine El Mahdy denkt, dass Carter die genaue Lage des Grabes bereits vor Entdeckung kannte. Die Schutzmauer zum Grab Ramses VI., die vor Auffindung errichtet wurde, hätte exakt zum Grab des Tutanchamun hin abgeschlossen und nicht dessen Eingang versperrt.

„Der Spiegel“ berichtete im Januar 2010 erneut über etwaige Verdachtsmomente. Dabei berief er sich zum größten Teil wieder auf die Aussagen von Hoving. Zusätzlich kam der Ägyptologe Rolf Krauss, nachdem er sich Fotos von Fußabdrücken im Grab angesehen hatte, zu dem Schluss, dass es sich um Carters eigene Spuren handeln könnte und nicht um die oft beschworenen Abdrücke von antiken Grabräubern.

Der Leiter des Griffith Institute in Oxford, Jaromir Malek, sieht diese Vorwürfe jedoch als unlogisch an. Carters akribische Arbeitsweise stehe in einem markanten Gegensatz dazu.

Dagegen spricht auch, dass er noch einige Jahre zuvor mit großer Vehemenz Grabräuber gejagt hat und, wenn diese Jagd Erfolg hatte, das Diebesgut dem rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben hat.

Die letzten Jahre

Nach dem Tod Carnarvons verdiente sich Carter mit Vorträgen und Publikationen seinen Lebensunterhalt.

Auch war er wieder als Kunsthändler tätig, diesmal hoch angesehen, und er bekam, wegen seiner Kennerschaft, gute Provisionen.

Dass er durch den Streit mit dem Antikendienst desillusioniert war, lässt sich an seiner sarkastischen Bemerkung erkennen, als er gefragt wurde, was er denn nach Abschluss der Bergungsarbeiten tun wolle: Er plane das Grab von Alexander dem Großen zu finden und es frei zu legen!

Seine wenigen Freunde sagten später, er hätte an der Publikation, die sechs Bände umfassen sollte, längst das Interesse verloren. Bis heute sind nur ca. 30 Prozent der Objekte aus dem Grab wissenschaftlich untersucht und publiziert worden.

Carter zog sich schließlich nach Albert Court in London zurück und starb dort vereinsamt am 2. März 1939. Seinen persönlichen Besitz vererbte er seiner Nichte Phyllis Walker. Das Auktionshaus Sotheby’s versteigerte seine Möbel und Bücher. Der größte Teil seiner Unterlagen wie Zeichnungen, Karteikarten und die Fotografien von Harry Burton werden vom Griffith Institute der Universität Oxford verwaltet. Sie wurden fast komplett online gestellt.

Sein Grab hat die Inschrift: „Egyptolist, discoverer oft the tomb of Tutankhamnun, 1922 – Ägyptologe, Entdecker des Grabes von Tutanchamun, 1922“. So wurde wenigstens im Tode dem präzise arbeitenden, beharrlichen und mit einem großen Spürsinn ausgestatteten Autodidakten die Ehre zuteil, als Ägyptologe anerkannt zu werden.